Psychische Erkrankung oder psychische Instabilität?

«Praxis und Erfahrung ohne Theorie ist blind, Theorie ohne Praxis und Erfahrung ist leer.» Eine Kant zugeschriebene Aussage, von mir um die Erfahrung ergänzt. Vor 30 Jahren habe ich mich sehr intensiv mit der Psychopathologie menschlichen Erlebens, insbesondere der Theorie der Schizophrenie mit sehr gutem Erfolg beschäftigt. Vor 29 Jahren konnte ich Erfahrungen mit der Wirkung dieser Theorie machen. Das führte mich in der Folge in die vertiefe Auseinandersetzung mit der psychiatrischen Theorie und ihrer Wirkung, wie auch mit dem Erleben selbst und seiner Psychologie. Wichtige Erkenntnis: auf dem Hintergrund der psychiatrischen Theorie ist es selbstverständliche Praxis, den Menschen mit seinem Erleben symptomatisch in Frage zu stellen. Und es gibt viele Erklärungen, mit denen dieses Vorgehen auf dem Hintergrund der Theorie gerechtfertigt und verteidigt wird, anstatt die Theorie in Frage zu stellen. Eine Erkenntnis, die sich mir bis heute immer wieder bestätigt. Deshalb an dieser Stelle darauf hingewiesen, Grundprinzip von Wissenschaftlichkeit ist Falsifizierbarkeit. Meine Hypothese: Insbesondere die psychiatrische Theorie der von ihr so benannten Schizophrenie ist falsch und irreführend. Dieser Text ist eine, u.a. mittels Selbst-Reflexion, entstandene Synthese aus den drei Aspekten von Theorie, Praxis und Erfahrung. Eine Streitschrift zur Etablierung eines psychologischen Verständnis psychischer Instabilitäten.                                                                                        

Ärztliche Deutungsmacht

Es braucht Jahrhunderte, so Emil KRAEPELIN (1896, S. 1): “bevor die klare Erkenntnis sich überall Geltung zu erringen vermochte, daß die Seelenstörungen nur vom ärztlichen Standpunkte aus richtig erforscht und erkannt werden können.” Weiter formuliert KRAEPELIN diese Kontextsetzung folgendermassen: “Niemand wagt es mehr, zu bezweifeln, daß die Geistesstörungen Krankheiten sind, die der Arzt zu behandeln hat. Wir wissen jetzt, daß wir in ihnen nur die psychischen Erscheinungsformen mehr oder weniger feiner Veränderungen im Gehirne, insbesondere in der Rinde des Großhirns, vor uns haben. Mit dieser Erkenntnis hat die Psychiatrie bestimmte, klare Ziele gewonnen, denen sie mit den Hülfsmitteln und nach den Grundsätzen naturwissenschaftlicher Forschung entgegenstrebt." KRAEPELIN, EMIL (1896): Psychiatrie - Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte.  Leipzig: Barth
Diese Hypothese und Kontextsetzung ist in der Psychiatrie bis heute handlungsleitend sichtbar.
 
Nach gut 30 Jahren der fragenden und forschenden Auseinandersetzung mit der Thematik in Theorie, Praxis und Erfahrung, bezweifle ich die Kraepelinsche Deutungsbahnung nicht nur, sondern halte sie für falsch.
 
Die Anzahl definierter psychischer Erkrankungen hat sich im Laufe der Zeit vervielfacht, festgeschrieben in Klassifikationssystemen wie dem DSM oder dem ICD. Die eigentlichen Ursachen sind jedoch auch nach 130-jähriger Forschung unbekannt. Benannt werden sie als multifaktoriell bedingt. Behandlung mündet gestern wie heute im Versuch, das symptomatische Erleben zu beseitigen und unter Kontrolle zu bringen. Der Auftrag, den Menschen wieder zum Funktionieren zu bringen, wie alle anderen es tun, kam und kommt aus der Gesellschaft. Die Theorie der Psychiatrie hatte und hat nachhaltige Wirkung in der Gesellschaft. Deutlich sichtbar werden die Folgen von Wunsch und Wirklichkeit nach Kontrolle. Es sind unerwünschte Effekte für das Individuum, wie auch für die Gesellschaft.

Psychologische Erkundung psychischer Instabilität

Ich spreche nicht von psychischer Erkrankung, sondern von psychischer Instabilität. Meine Hypothese ist, dass sich die Psyche eines Menschen in eine Instabilität bringen kann, um sich weiterzuentwickeln. Die Instabilität beinhaltet das Potential zur Bewusstseinsentwicklung des einzelnen Menschen und damit auch dem des menschlichen Kollektivs.
 
Die psychische Instabilität offenbart uns, dass es nicht egal ist, wie wir mit dem Leben umgehen. Dem betroffenen Menschen selbst, wie auch seinem Umfeld zeigt es, dass die individuelle Lebendigkeit sich in eine, vom «ich» nicht kontrollierbare, Instabilität bringen kann. Es macht deutlich, Erfahrungen und Handlungen haben Wirkungen. Wenn diese Wirkungen die Lebendigkeit des individuellen Menschen nachhaltig beeinträchtigen, ihn gewissermassen deformieren, kann sich die Psyche zu gegebener Zeit in eine Instabilität bringen. Dieser psychische Komplex eines Menschen, d.h. sein aus den Wechselwirkungen von wahrnehmen, fühlen, denken und ich-Kontrolle resultierendem Erleben, kann sich in eine Instabilität bringen. Diese Instabilität ist gekennzeichnet durch den begleitenden Verlust der Ich-Kontrolle.  Dieser Verlust der sog. Ich-Kontrolle ermöglicht überhaupt erst eine Weiterentwicklung des individuellen Bewusstsein. Eine Entwicklung hin zum «beobachtenden ich», welches lernen kann sich zu regulieren, innezuhalten, zu reflektieren, zu unterscheiden, sich damit zu neu zu ordnen und zu orientieren. In dieser so entstehenden inneren Balance wird das Vertrauen in die eigene Lebendigkeit genährt und es wächst eine neue Qualität von Selbstbewusstsein, getragen von Dankbarkeit und Demut, nicht nur gegenüber der eigenen Lebendigkeit. 
 
Das «Ich», dieser emergente Effekt des Körpers aus der Wechselwirkung von wahrnehmen, fühlen und denken, kann in diesem Prozess in seine beobachtende und regulierende Bedeutung finden. 
Aus seinem «ich-Erleben» kann der Mensch sich selbst beobachten, seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken und lernen, achtsam regulierende Impulse zu geben. Mit dieser Erkenntnis wird der Mensch sich seiner selbst bewusster werden. 
 
Diese Betrachtung macht deutlich, die psychische Instabilität kann in eine Weiterentwicklung des individuellen Bewusstseins führen. Die ermöglicht die Auflösung einer überholten Illusion von Ich-Kontrolle. Führt in eine neu formende Haltung, die der beobachtenden Ich-Regulation in vollem Gewahrsein. Ein Weg, der in die bewusste Wahrnehmung der eigenen Lebendigkeit und die dienliche Regulation derselben führt. Damit wird ein bewusstes Teil-Sein im Leben ermöglicht.
 
Der Mensch gewinnt die Chance, seine dynamische Stabilität zu entdecken, erkunden, aufzubauen und zu formen.  In der Instabilität benötigt der Mensch heilsam regulierende Impulse, die ihn unterstützen und ermutigen, in die neue innere Balance zu finden und ein tiefes Vertrauen in seine Lebendigkeit zu nähren und zu verankern.

Den Ort für ein Forschungsprojekt, diese Hypothese zu prüfen, nenne ich «Insel der Lebenskunst», ein Refugium zur heilsam regulierenden persönlichen Weiterentwicklung des Selbst-Bewusstseins. 

Träger dieses Projektes ist die zu gründende Stiftung «Insel der Lebenskunst», kurz «IdeeL».

Kontrolle und Beherrschung vs. Regulation und Selbstreflexion? Eine Beobachtung aus der Praxis.
Eine interessante Beobachtung, zwei Schwestern (9 und 11 Jahre) streiten sich, der Streit eskaliert im handgreiflichem, gegenseitigem Schmerz zufügen. Beobachtung ist nun, dass im Nachhinein Erwachsene ihnen erklären, was sie anders hätten tun können und sollen. Warum wird es so gemacht? Weil uns allen schliesslich beigebracht wurde, uns zu kontrollieren und zu beherrschen? Also sollen die Kinder es auch lernen? Genau, denn nicht erst in der Schule wird es beigebracht, stillsitzen, gehorchen, folgsam sein. Lerne dich zu kontrollieren und zu beherrschen, wie Erwachsene es tun und gelernt haben. Das ist die verbreitete und verankerte erwachsene Haltung. 
Auch wenn es offensichtlich ist, dass es Erwachsenen in unerwartet kritischen Situationen auch nicht gelingt, sich achtsam und fürsorglich zu regulieren. In der Folge leider i.d.R. ebenso wenig sich selbst zu reflektieren und die eigenen Erkenntnisse zu teilen. 
Warum eigentlich Kontrolle und Beherrschung? Leben kann sich gut selbst regulieren. Warum wurde uns Regulation und Selbstreflexion nicht beigebracht, warum lehren wir es den Kindern nicht? Nein, sie sind noch zu klein, um zu reflektieren, ist eine irreführende Antwort. Erwachsene erwarten von Kindern und lehren sie lesen, schreiben, rechnen, stillsitzen, gehorchen, Fremdsprachen lernen. Aber sich gut zu regulieren und zu reflektieren, wird ihnen nicht beigebracht. Warum nicht? Die Bedeutung von Gefühlen für den Lernerfolg, wie das gemeinschaftliche Miteinander ist mittlerweile bekannt. Das vermitteln wir ihnen nicht, leider ist das nicht verständlich. 
Wie sollen Kinder sich in ihren Gefühlen regulieren lernen, wenn schon die Erwachsenen nicht dazu in der Lage sind. Die Erwachsenen leben es vor, um Kontrolle und Beherrschung geht es. Und mittels Rechtfertigung und Schuldzuschreibung verankert man diese Haltung. Und erstaunlich, wie schnell und gut die Kinder genau das lernen. 
 
Wirklich bemerkenswert die Folgen, wenn Erwachsene nicht in der Lage sind sich zu regulieren und nicht bereit sind, sich selbst zu reflektieren.
 
Kinder sind von Natur aus in der Lage, sich selbst zu regulieren und in der Folge auch zu reflektieren. Dafür ist es hilfreich, wenn Erwachsene es ihnen zeigen und vorleben. Solange Erwachsene jedoch nicht bereit sind, sich selbst zu reflektieren und sich nicht in die Lage zeigen, sich selbst zu regulieren, werden ihre Kinder die destruktiven Folgen von Kontrolle, Beherrschung, Rechtfertigung und Schuldzuweisung ausbaden.

Eine Frage der Haltung

Zunächst ist es bedeutsam zu unterscheiden, welcher Prämisse gefolgt wird? 
Der Prämisse Kontrolle zu bekommen, um Glück und inneren Frieden zu finden, vielleicht noch etwas mehr, z.B. Reichtum, Wohlstand und Bedeutung? Das scheint erstrebenswert und etabliert eine beschleunigende Haltung des "haben und/oder behalten Wollens". Diese Bedeutung verleihende Haltung «ich bin was und ich habe was» ist die antreibende Verlockung. Es hält einen verhängnisvollen Kreislauf (Hamsterrad) aufrecht. Wer die Macht hat, bekommt das Geld. Es begründet die Selbstreflexion im Sinne einer Rechtfertigung für diese Haltung, für das haben wollen und dessen Kontrolle. Die Arroganz der Macht bringt die Haltung „ich habe das Wissen und die Kontrolle“ hervor und tritt als selbstgefällige Arroganz in Erscheinung.
 
Das Leben als ein Geschenk zu betrachten und mit dieser Prämisse in die Selbstreflexion gehen, führt in eine andere Haltung. Diese Betrachtung legt nahe, dass all deine Lebenserfahrungen dir geschenkt sind. Auch wenn davon auszugehen ist, dass du auf einige sicher gerne verzichtet hättest, so haben sie dich doch geformt. Was haben sie dich gelehrt? Welche Muster hast du kultiviert? Trägst du alten Schmerz mit darin gebundenen Gefühlen in dir? Das ist eine fragende Haltung der Verlangsamung und des Innehaltens. Was hat dich geformt, deformiert, wie kannst du es transformieren?  Was hast du zu teilen und zu geben? Dieser fragende Weg zur Transformation beginnt damit, die im Schmerz gebundene Energie zur bewussten Weiterentwicklung zu nutzen. Es beginnt ein achtsamer Weg zur weiteren Entwickelung und Entfaltung deiner Lebendigkeit, aus einer Haltung von Dankbarkeit und Demut gegenüber dem Leben.  


Ich behaupte, dass diese Art der Reflexion und Transformation in eine neue Haltung gegenüber dem Leben führt. Ich halte es für dringend notwendig, solch einen Schritt in der Bewusstseinsentwicklung zu gehen. Es ist ein fragender Weg, der durch Versuchung und Irrtum führt. Innehalten und reflektieren hilft zu unterscheiden. Du übernimmst bewusst Verantwortung und lernst Entscheidungen zu treffen, die deiner Lebendigkeit dienen. Und du lernst deine Grenzen, die anderer und nicht zuletzt die, die das Leben dir aufzeigt, zu achten und zu wahren. 


Gefühle formen, wechselwirkend und rückkoppelungssensibel ein «ich». 

Gefühle zeigen sich im Körper und führen uns eine Polarität vor Augen: den Körper und das «ich». Was bedeutet das? Eine erste Frage dazu, was ist im Mittelpunkt? Das «ich» oder der Körper? Das führt uns weiter zur Überlegung, worum geht es eigentlich, sich in den Dienst zu stellen oder Kontrolle zu haben? Kannst du spüren, wie Gefühle in deinem Körper wirken und wie sie dein «ich» geformt haben. Ein notwendiger Schritt zur Bewusstwerdung ist die Reflexion eigener Erfahrung. Sie ermöglicht Erkenntnis und so kann sich Bewusstsein entwickeln.

Gefühle regulieren das Miteinander und die eigene Befindlichkeit. Sie formen massgeblich unser individuelles «ich».
 
aktivierende Gefühle
Gefühle sind immer eine körperliche Aktivierung, sie sind massgeblich an der Verhaltensmusterbildung beteiligt. Bei Kindern und Jugendlichen folgt dies einer selbsterhaltenden Eigendynamik in der Begegnung mit dem Gegenüber. Die damit verbundene wechselwirkende Dynamik zwischen Wahrnehmung - Gefühlen und kognitiver Verarbeitung bleibt vielfach unreflektiert und wird dementsprechend nicht bewusst. Gleichwohl formen sie jeden Menschen in seiner Körperlichkeit und seinem "ich-Erleben". So lernen Kinder und Jugendliche emotionale Kontrolle und emotionale Manipulation von den Erwachsenen und schauen es sich bei ihnen ab. Etabliert wird eine Idee von "ich-Kontrolle". Was auf der Strecke bleibt, ist vielfach die Fähigkeit, für die eigene Körperlichkeit achtsam und liebevoll zu sorgen. Was verloren geht ist auch die Fähigkeit, sich und anderen in liebevoller Haltung zu begegnen, aufmerksam zu beobachten, sich selbst achtsam zu regulieren, oder auch dem Gegenüber vertrauensbildende Co-Regulation zu schenken.

Um als erwachsener Mensch aus der um Kontrolle und Beherrschung bemühten Dynamik herauszufinden, bedarf es des Innehaltens und der Reflektion. Erst dann bekommt der erwachsene Mensch die Chance, seine Muster zu erkennen und sie zu transformieren, sich seiner selbst bewusster zu werden.  Selbst-Vertrauen und Selbst-Bewusstsein zu entwickeln. Leider geschieht dies in den seltensten Fällen, das Bemühen ist fast immer auf die Kontrolle und Beherrschung ausgerichtet.  So bleiben die Menschen dem alten Schmerz ausgeliefert, richten diese Energie gegen sich selbst oder verschleudern sie gegen andere. Was nicht erkannt wird ist und somit ungenutzt bleibt, dass die im Schmerz gebundene emotionale Aktivierung die Energie zur Transformation liefern kann.

emphatischer Stress
Wesentlich ebenfalls, die Effekte wechselseitiger Aktivierung, die körperlichen und psychischen Wirkungsmöglichkeiten des emphatischen Stresses zu erkennen. Zur Veranschaulichung: Person A äussert seine Sorge um die Situation von Person B. Es ist nun möglich, dass diese sorgenvolle Aktivierung von Person A, Person B ebenfalls emotional aktiviert. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die wechselseitige emotionale Aktivierung sich in eine, zumindest einseitige psychische Instabilität aufschaukelt. Dieses Aufschaukeln folgt einer Logik der Psyche. Sobald von Person B die Sorge von Person A wahrgenommen wird, führt das zur emotionalen Aktivierung von Person B, diese kann eine Eigendynamik annehmen, welche sich wiederum der «ich-Kontrolle» entzieht. Die zunehmende Aktivierung von Person B in Richtung Instabilität erhöht wiederum die aktivierte Sorge von Person A. Der Kontakt zwischen beiden bricht ab, es kommt zu wechselseitigen Rechtfertigungen für die individuell folgenden Handlungsschritte. Hier zeigt sich die Eigendynamik von wahrnehmen – emotionaler Aktivierung – kognitive Einordnung und ihrer körperlichen und psychischen Wechselwirkung in der Begegnung. Leider wird diese Dynamik bis heute nicht, oder nur selten reflektiert und kann deshalb nicht bewusst werden. Erfolgreiche wechselseitige Regulation bleibt aus, stattdessen kommt es zur wechselseitigen Aktivierung. Raum für Rechtfertigungen und körperliches Unwohlsein entsteht. Regulation braucht Vertrauen, angstvolle Aktivierung erhöht die innere Spannung. Es zeigt sich die aktivierende Wirkung vom empathischen Stress, im Gegensatz zur regulierenden Wirkung vom Mitgefühl. 

Getriggerter Stress
Die Begriffe Trauma und der Satz «das triggert mich» werden mittlerweile selbstverständlich gebraucht. Was verbirgt sich dahinter, wenn wir es genau betrachten? Unerwartet und unerwünscht kann es im Alltag zu heftigen Aktivierungen bei Menschen mit erlebten traumatischen Erfahrungen kommen, die eine Instabilität hervorrufen. Wie kommt es dazu? Die in der traumatischen Erfahrung eingefrorene/gebundene emotionale Energie kommt an die Oberfläche. Der Mensch ist nun völlig überwältigt und überflutet von dieser Energie und das löst die damals wirksam gewordenen Handlungs- und Erlebensmuster aus. Hier gilt es innezuhalten und nicht blind zu agieren. Wichtig ist wahrzunehmen und zu beobachten, um aus der hohen Aktivierung in heilsame Regulation zu finden und wieder ins Vertrauen zu kommen. Nun gilt es zu reflektieren und sich bewusst zu werden, wie es zu diesem Prozess kam und was der Ursprung ist. Das die Psyche diese alte Energie an die Oberfläche bringt, damit eine Instabilität auslöst, eröffnet die Chance, mit dienlichen Impulsen, die aus überfordernden traumatisierenden Erfahrungen gebundene Energie heilsam zu transformieren. Zusammenfassend formuliert, geht es darum, zunächst innezuhalten, zu beobachten, zu regulieren, zu reflektieren und sich damit bewusst zu werden, um so alte gebundene Energie und daraus entstandene Handlungsmuster zu transformieren.


Haben wollen
Es erscheint als vertraute menschliche Haltung: haben zu wollen und gerne, wenn möglich, wenig dafür tun. Das Recht haben wollen, gehört auch dazu. Bemerkenswert an diesem Punkt, wie das eigene «ich» dafür in den Mittelpunkt gestellt wird. Im Verlangsamen und Innehalten wird der dahinter liegende Effekt immer deutlicher. Zum einen wird erkennbar, wie die menschliche Reflexionsfähigkeit vor allem zur Rechtfertigung eigener Haltung und Interessen genutzt wird. Bedeutungsvoll weiterhin, wie viele Einflussfaktoren den einzelnen Menschen formen, lebendige Komplexität wird erkennbar.

Vom "ich-erleben" über die "ich-Kontrolle" ins "beobachtende-ich" finden.
Aus den komplexen Wechselwirkungen von wahrnehmen, fühlen und denken des Körpers, emigriert schon früh das „ich- erleben“ und flüchtet sich mit den Jahren in die „ich -Kontrolle “. Hier herrschen vorrangig Vorstellungen wie: «jetzt habe ich mein Leben im Griff, Unerwünschtes passiert mir nicht wieder und wenn, haben andere Schuld. Ich hab die Kontrolle und nehme mir, was mir gehört. Oder auch was mir vorenthalten oder genommen wurde. Ich kann alles rechtfertigen». Damit bleibt die Fluchtbewegung bestehen. Aus dieser Fluchtposition bleiben z.B. Gleichgültigkeit und Verbitterung, oft selbst nicht wahrgenommen, stattdessen durch vielfältig mögliche Rechtfertigungen aufrechterhalten. So setzt dieses «ich» seine Flucht fort, stets bemüht um Kontrolle. Und hält sich für den Mittelpunkt in seiner Fremde, immer wieder sich selbst Umkreisend und rechtfertigend. Eine destruktiv wirksame Haltung gegenüber dem Leben und der eigenen Lebendigkeit bleibt so überdauernd. Eine notwendige Erkenntnis: Rechtfertigung ist keine Selbstreflexion und führt vielfach in die Irre.

Es wird Zeit für Erkenntnis und Transformation.

Die Reflexion ermöglicht dem «ich», sich seiner selbst bewusster zu werden. So kann das «ich» seine Bedeutung erkennen und zu seiner Heimat, den Körper zurückkehren. Dann kann das «ich» seinen Platz als beobachtender und reflektierender Trabant finden. Sein Mittelpunkt ist und bleibt der Körper. So wird das «ich» lernen, seine körperliche Lebendigkeit zu umkreisen, achtsam zu reflektieren und Freude daran gewinnen, regulierende Impulse geben zu können und zu dürfen. Das Vertrauen in die selbstregulativen Kräfte des Körpers und seiner Lebendigkeit wächst. Der Mensch kann sich in Selbstbeobachtung und Selbstreflexion des Lebens bewusster werden.

Der Mensch ist ein Geschenk das Lebens an sich selbst, mit dem Potential, sich selbst zum Bewusstsein zu bringen. Im Mittelpunkt steht der Körper mit seinem umkreisenden «ich».